Eine Anleitung mit der Größe „Medium“ kann an einer Person wie ein Zelt sitzen und an einer anderen eng wirken. Größen in Strickanleitungen sind keine Kaufgrößen. Sie beruhen auf Fertigmaßen, und die Beziehung zwischen deinem Körper und diesen Maßen entscheidet, wie das Stück wirklich sitzt.
Körpermaße und Fertigmaße
Dein Körpermaß ist das, was das Maßband zeigt, wenn du Brust, Taille oder Hüfte misst. Das Fertigmaß der Anleitung ist das Maß des fertigen Kleidungsstücks an derselben Stelle.
Diese zwei Zahlen sind fast nie gleich, und das sollten sie auch nicht sein. Ein Pullover, der exakt deinem Brustumfang entspricht, würde ohne Spielraum anliegen. Die meisten wollen das nicht.
Der Unterschied zwischen Körpermaß und Fertigmaß heißt Mehrweite. Mehrweite ist das wichtigste Konzept, wenn du aus einer Strickanleitung die richtige Passform bekommen willst. Positive Mehrweite bedeutet, das Kleidungsstück ist größer als du. Negative Mehrweite bedeutet, es dehnt sich, um zu passen.
Was Mehrweite bedeutet
Mehrweite ist der zusätzliche Raum im Kleidungsstück über dein tatsächliches Körpermaß hinaus.
Negative Mehrweite heißt, dass das fertige Kleidungsstück kleiner ist als du. Der Stoff dehnt sich. Häufig bei Rippenmützen, die kleiner als der Kopfumfang sind und durch das Rippenmuster halten, bei Sockenbündchen und sehr körpernahen Teilen aus elastischem Garn.
Null Mehrweite heißt, dass Fertigmaß und Körpermaß gleich sind. Das Kleidungsstück folgt deiner Form genau. Beim Stricken ist das eher selten, weil Gestrick von Natur aus dehnt.
Positive Mehrweite ist am häufigsten. Das Kleidungsstück ist größer als du. Ein Pullover mit 5-10 cm positiver Mehrweite sitzt bequem ohne zu kleben. Bei 10-15 cm wirkt er locker. Darüber liest er sich schnell oversized, aber Konstruktion und Garnstärke verändern, wie deutlich diese Mehrweite wirkt.
Die beabsichtigte Mehrweite ist eine Designentscheidung. Ein kurzer moderner Pullover kann 5 cm haben. Ein gemütlicher Cardigan 15 cm. Beides kann richtig sein. Andere Silhouette.
Maße nehmen
Du brauchst ein flexibles Maßband, also ein Nähmaßband, kein Metallband aus dem Baumarkt.
Brust oder Brustumfang: Maßband um die breiteste Stelle führen, unter den Armen, waagerecht. Nicht festziehen. Taille: schmalste Stelle, meist knapp über dem Nabel, nicht der Hosenbund, der bei vielen tiefer sitzt. Hüfte: breiteste Stelle, oft auf Höhe der oberen Oberschenkel.
Bei der Ärmellänge gilt der Messpunkt der Anleitung. Manche Schnittzeichnungen verwenden die Strecke vom hinteren Halsausschnitt bis zum Handgelenk. Viele messen von der Achsel bis zum Handgelenk. Oberarm bedeutet: um die breiteste Stelle oberhalb des Ellbogens.
Schulterbreite misst du von Schulterknochen zu Schulterknochen über den oberen Rücken. Dieses Maß wird oft übersehen und ist trotzdem der Grund, warum ein Pullover überall passt, nur an den Schultern nicht. Die Querweite am oberen Rücken zeigt auch ein typisches Kaufpullover-Problem: Die Schultern können zu breit oder zu schmal sein, obwohl der Brustumfang stimmt.
Schreib die Maße auf. Du brauchst sie jedes Mal, wenn du eine Anleitungsgröße auswählst. Eine zweite Person hilft besonders bei Rücken- und Schultermessungen. Allein sind sie schwer sauber zu nehmen.
Deine Größe wählen
Die meisten Anleitungen listen Fertigmaße in einer Größentabelle oder im Kopfbereich. Such nach dem fertigen Brustumfang, nicht nach dem Größenlabel.
Nimm deinen Brustumfang. Addiere die gewünschte Mehrweite. Such die Größe, deren Fertigmaß am nächsten liegt.
Beispiel: Dein Brustumfang ist 97 cm. Du möchtest eine bequeme Passform mit etwa 7,5 cm Mehrweite, also zielst du auf ungefähr 104 cm fertigen Brustumfang. Wenn die Anleitung 97, 102, 107 und 112 cm anbietet, gibt 102 cm etwa 5 cm Mehrweite, also enger, und 107 cm etwa 10 cm, also entspannter. Wähle nach der Passform, die du möchtest.
Wähle nicht „Medium“, nur weil du im Laden M trägst. Ein Designer-Medium kann 112 cm fertigen Brustumfang haben, bewusst oversized an einem 97-cm-Körper, oder 102 cm, körpernah. Das Label sagt nichts.
Schnittzeichnung lesen
Viele Anleitungen enthalten eine Schnittzeichnung: eine flache Linienzeichnung der fertigen Teile mit Maßen. Für Passformentscheidungen ist das der nützlichste Teil der Anleitung.
Die Schnittzeichnung zeigt Breite und Länge an wichtigen Punkten: Brust, Taille (falls geformt), Hüfte, Ärmellänge, Oberarmweite, Schulterbreite, Körperlänge von Saum bis Achsel. Die Zahlen für alle Größen stehen im gleichen Klammerformat wie die Anleitung.
Vergleiche die Schnittzeichnung Punkt für Punkt mit deinem Körper. Die Brust kann passen, aber die Ärmel können 5 cm zu kurz sein. Der Körper kann länger sein, als du möchtest. Die Zeichnung zeigt, wo die Anleitung für dich funktioniert und wo du anpassen musst.
Beachte die Armausschnitttiefe in der Schnittzeichnung. Sie steht oft weniger prominent da als der Brustumfang, aber ein zu flacher Armausschnitt zieht in der Achsel, und ein zu tiefer Armausschnitt bildet eine hängende Stofftasche. Vergleiche die Armausschnitttiefe mit einem Pullover, der dir an der Achsel gut sitzt. Wenn der Unterschied groß ist, plane vor dem Anschlagen.
Wenn du zwischen Größen liegst
Das passiert oft. Dein Brustumfang liegt in einer Größe, deine Hüfte braucht eine andere, und die Armlänge passt zu keiner.
Beim Körper wählst du meist die Größe, die zum größten Maß passt, also Brust oder Hüfte, und passt den Rest an. Taillenformung in eine hüftpassende Größe einzubauen ist einfacher, als Breite in eine zu schmale Größe zu zaubern.
Länge ist am leichtesten zu ändern. Viele Anleitungen sagen „stricken, bis das Teil X cm misst“, und du kannst frei anpassen. Du willst 43 cm statt 38 cm? Strick 5 cm mehr. Ärmellänge funktioniert genauso. Oberarmweite ist schwieriger, weil sie die Armkugel beeinflusst, also sollte sie möglichst gut passen.
Wenn du kleiner bist als die Modellmaße der Anleitung, können Körper und Ärmel zu lang sein, obwohl der Brustumfang stimmt. Körper und Ärmel zu kürzen ist meist risikoärmer als die Armausschnitttiefe zu ändern, weil der Armausschnitt die Geometrie des ganzen Kleidungsstücks beeinflusst. Praktischer Ansatz: Behalte die Armausschnitttiefe der Anleitung und kürze den Abschnitt vor Beginn des Armausschnitts. Die Schulterpassform bleibt eher erhalten.
Wenn du größer bist als die Anleitung annimmt, zeigt sich das umgekehrte Problem. Länge unterhalb des Armausschnitts zu ergänzen verändert meist weniger Maschenzahlen. Wenn du Körper und Ärmel getrennt verlängerst, bleiben die Proportionen natürlicher.
Unterschiedliche Größen für Körper und Ärmel
Manche Konstruktionen erlauben das recht gut. Raglanpullover von oben, von unten gestrickte Einzelteile mit eingesetzten Ärmeln und Rundpassen geben dir jeweils etwas Spielraum.
Wenn dein Oberkörper kleiner ist und die Arme mehr Platz brauchen, oder umgekehrt, kannst du den Körper nach deinem Brustumfang stricken und die Ärmel aus einer anderen Größe nehmen. Die Armkugel oder Passe muss trotzdem zum Armausschnitt passen. Deshalb funktioniert das am besten mit benachbarten Größen: kleiner Körper plus mittlere Ärmel ist etwas anderes als kleiner Körper plus XL-Ärmel.
Anleitungen, die Mischgrößen nicht ausdrücklich unterstützen, lassen sich oft trotzdem anpassen. Das braucht aber Strickmathematik, und die Armkugel muss eventuell neu berechnet werden. Wenn Änderungen für dich neu sind, wähle lieber eine Konstruktion, die diese Anpassung einfacher macht.
Mehrweite variiert nach Kleidungsart
Nicht alle Kleidungsstücke wollen dieselbe Passform.
Für Brust- oder Oberkörperweite setzt die Craft Yarn Council-Fit-Tabelle eine klassische Passform bei etwa 5-10 cm positiver Mehrweite an, eine lockere Passform bei etwa 10-15 cm und oversized bei 15 cm oder mehr. Sehr körpernahe Kleidungsstücke können negative Mehrweite haben. Mützen und Socken nutzen oft ebenfalls negative Mehrweite, weil Dehnung sie an Ort und Stelle hält.
Konventionen, keine Gesetze. Aber wenn eine Anleitung „körpernah“ sagt und die Schnittzeichnung in deiner Größe 15 cm Mehrweite zeigt, stimmt etwas nicht.
Konstruktion beeinflusst die Passform
Ein Pullover mit 102 cm fertigem Brustumfang sitzt nicht in jeder Konstruktion gleich.
Überschnittene Schulter: Der Körper ist oft ein Rechteck, die Ärmel hängen von einer breiten Schulterlinie nach unten. Das wirkt kastig und lässig. Diese Konstruktion braucht meist mehr Mehrweite als andere, damit sie gewollt fällt. Die Schulternaht sitzt deutlich unterhalb deiner echten Schulter. Bewegungsfreiheit kommt also aus der Weite, nicht aus einem genauen Schnitt.
Eingesetzter Ärmel: Die Armkugel wird in einen geformten Armausschnitt gesetzt, ähnlich wie bei einem Hemd. Das sitzt am körpernahesten. Die Schulternaht liegt an der echten Schulter. Die Maße müssen hier am genauesten passen.
Raglan: Die Ärmel laufen in schrägen Linien von der Achsel zum Hals. Raglan ist über verschiedene Körperformen recht verzeihend und funktioniert körpernah bis locker. Deshalb ist diese Konstruktion in anfängerfreundlichen Pullovern häufig.
Rundpasse oder Sattelschulter: Schultern und oberer Körper werden als zusammenhängender Bereich gestrickt. Eine gute Passe liegt flach über den Schultern. Die Reihenprobe ist wichtig, weil die Passentiefe davon abhängt, wie viele Reihen in eine bestimmte Länge passen.
Die gleiche Brustweite und die gleiche Mehrweite können in einer Konstruktion passend und in einer anderen sehr weit wirken. Schau dir fertige Fotos an, wenn es sie gibt. Die Schnittzeichnung gibt Zahlen, aber Fotos zeigen, wie die Konstruktion am Körper fällt.
Verkürzte Reihen für Brustformung
Viele Pulloveranleitungen werden aus Standardmaßen für Brust und Länge geschrieben, nicht aus einer individuellen Brustanpassung. Wenn die Vorderseite mehr Länge braucht als der Rücken, kann der Pullover vorn hochrutschen, während er hinten richtig sitzt. Verkürzte Reihen für Brustformung fügen nur vorn zusätzliche Länge hinzu, ohne Maschen zuzunehmen.
Das Prinzip: Du strickst nur einen Teil der Vorderseite, wendest, strickst zurück und wendest wieder vor der vorherigen Wendestelle. Jedes Paar verkürzter Reihen fügt im Brustbereich zusätzliche Reihen ein und formt das Gestrick ähnlich wie ein Abnäher. Die genaue Platzierung hängt von der Konstruktion und davon ab, wo zusätzliche Länge gebraucht wird.
Manche Anleitungen enthalten diese Option ausdrücklich. Viele nicht. Sie selbst einzubauen setzt voraus, dass du die Brusthöhe im Verhältnis zur Achsel kennst und ungefähr weißt, wie viel zusätzliche Vorderlänge du brauchst.
Das ist eine der nützlichsten Anpassungen, wenn der eigene Körper nicht zur flachen Vorderteil-Annahme der Anleitung passt. Der erste Versuch darf grob sein. Lernen lohnt sich trotzdem.
Die Mehrweiten-Falle bei anderem Garn
Wie viel Mehrweite du brauchst, hängt von der Stoffdicke ab. Ein Fingering-Pullover mit 5 cm Mehrweite fühlt sich bequem an, weil der Stoff dünn und flexibel ist. Ein Bulky-Pullover mit denselben 5 cm kann eng wirken. Der dicke Stoff nimmt im Inneren des Kleidungsstücks Raum weg und reduziert den tatsächlichen Platz.
Wenn du ein dickeres Garn ersetzt, erwäge eine größere Größe. Das Gestrick selbst frisst einen Teil der Mehrweite.
Praktische Tipps zur Größe
Wenn eine Anleitung keine Fertigmaße nennt, ist das ein Warnzeichen. Ohne sie kannst du nicht wissen, wie sie sitzen wird. Du kannst grob schätzen, indem du Anschlagsmaschen mit deiner Maschenprobe multiplizierst, aber die Anleitung sollte diese Information liefern. Ravelry-Projektseiten zeigen oft, was andere bekommen haben.
Prüfe vor der Größenwahl deine Maschenprobe. Wenn deine Maschen pro 10 cm nicht zur Anleitung passen, passen die Fertigmaße ebenfalls nicht. Ein Trick, der gut funktioniert: Lege einen Pullover flach hin, der so sitzt, wie du es magst, miss die Brustbreite und verdopple sie. Das ergibt ein konkretes Ziel aus deiner echten Passformvorliebe und funktioniert oft besser als Körpermaß plus abstrakte Mehrweitenrechnung.
Die Garnart beeinflusst die Passform ebenfalls. Weich fallende Garne wie Baumwolle und Seide hängen anders als federnde Wolle. Ein Baumwollpullover und ein Wollpullover in derselben Größe sitzen nicht gleich. Wenn du Garn ersetzt, rechne das mit ein.
Wenn du für den Oberkörper eine Größe und für den unteren Körper eine andere brauchst, ist das Gradieren. Folge für Passe und Brust der oberen Größe, nimm zur Taille hin zu oder ab, bis du bei der unteren Größe bist. Manche Anleitungen enthalten verkürzte Reihen für Brustformung oder getrennte Ober-/Untergrößen. Wenn nicht, braucht diese Änderung etwas Strickmathematik.
FAQ
Messe ich über Kleidung oder direkt am Körper? Eine dünne Schicht, zum Beispiel ein T-Shirt, kommt dem späteren Tragen meist am nächsten. Über dicker Kleidung wird das Maß zu groß.
Meine Maße liegen in drei verschiedenen Größen. Was nun? Wähle die Größe, die dem wichtigsten größten Maß am nächsten kommt, und plane Änderungen für die anderen Stellen. Länge ist meist am einfachsten. Brustweite ist schwieriger. Schulterbreite ist am schwierigsten. Wenn nicht alles gleichzeitig passt, priorisiere Schulter und Brust.
Spielt die Reihenprobe für die Passform eine Rolle? Meist weniger als die Maschenprobe. Die Ausnahme sind Passenpullover, bei denen die Reihenprobe die Passentiefe bestimmt. Wenn sie deutlich abweicht, wird die Passe zu flach oder zu tief. Bei vielen Pullis werden Körper- und Ärmellängen dagegen bis zu einem Maß gestrickt, sodass die Reihenprobe dort flexibler ist.
Was, wenn Ravelry-Projekte sagen, dass die Anleitung klein oder groß ausfällt? Lies mehrere Projekte, bevor du daraus eine Regel machst. Manchmal verzerren ein paar Projekte mit falscher Maschenprobe den Eindruck. Wenn fünf verschiedene Personen schreiben, dass die Anleitung klein ausfällt, nimm das ernst und erwäge eine größere Größe.